http://dropdownmenugenerator.com/

Die traurige Geschichte eines Landes




Phnom Penh, Kambodscha -  22.11.-27.11.2013


Nach dem großen Kotzen wollten wir nur noch eins: Gammeln! Genau so sahen im Großen und Ganzen unsere Tage in Kambodschas Hauptstadt auch aus. Wir schliefen lange, frühstückten ewig, liefen ein wenig hin und her, lasen, arbeiteten am Blog und gönnten uns leckere Abendessen. Sehr entspannt. Zwischendurch packte uns auch mal das Touri-Fieber. Die großen Attraktionen der Stadt – Silberpagode und Königspalast – konnten wir uns trotz auferlegtem Gammeln nicht entgehen lassen. Die gesamte Anlage wurde im traditionellen Khmer-Stil errichtet und in den beiden Farben des buddhistischen und hinduistischen Glaubens – weiß und gelb – gehalten. Es war unglaublich: Die Gebäude sind überhäuft mit Pracht und Prunk, überall glitzerts. Für uns alles ein wenig too much. Also lieber zurück zum Gammeln.
Ein Tag wird uns jedoch für immer unvergesslich sein – der Besuch des Choeung Ek, der sogenannten Killing Fields, und des Völkermordmuseums Tuol Sleng. Der Besuch gehört zu den beeindruckendsten Erlebnissen unserer gesamten Kambodschareise, aber ohne Zweifel auch zu den traurigsten. Was wir an diesem Tag über die Geschichte Kambodschas gelernt haben ist unglaublich.
Geschichtlicher Exkurs:
Nach der offiziellen Anerkennung der Unabhängigkeit 1954 ging es für das Land stetig bergab. Auch Kambodscha konnte sich dem Vietnamkrieg nicht entziehen. Vietnamesische Guerillos des Vietcong und die nordvietnamesische Armee nutzten Kambodscha als Rückzugsort. Verfolgt von US-amerikanischen und südvietnamesischen Truppen drangen sie immer weiter auf kambodianischen Boden vor und verwandelten das Land in ein bitter umkämpftes Schlachtfeld des zweiten Indochinakrieges. Tausende Flüchtlinge liefen vor den Kämpfen davon und suchten Unterschlupf in Phnom Penh. Während das Land unter einer schwachen und ineffektiven Führung im völligen Chaos versank, konnten sich die Roten Khmer neu formieren und übernahmen langsam die Kontrolle über große Teile der Provinzen. Am 17. April 1975 marschierten die Streitkräfte der Roten Khmer unter dem begeisterten Jubel der kambodschanischen Bevölkerung in Phnom Penh ein. Der Krieg war vorbei und jetzt würde es endlich Frieden geben, so glaubte man. Diese Hoffnung sollte sich aber leider nicht erfüllen.
Ab dem ersten Tag, als die Roten Khmer in Phnom Penh einzogen, setzten sie einen systematischen Prozess des kommunistischen Umbaus in Gang, der vermutlich vom Anführer der Kommunistischen Partei, Saloth Sar alias Pol Pot, wie er später genannt wurde, angeordnet worden war. Das wahnsinnige Bestreben, ein ganzes Land unter dem Feuer der maoistischen Ideologie in einen reinen Bauernstaat zu verwandeln, erwies sich als menschliche Katastrophe und sorgte auch innerhalb der internationalen Staatsgemeinschaft für große Empörung, der aber so gut wie keine Taten folgten.
Die gesamte Bevölkerung aus Phnom Penh und anderen Provinzstädten wurde gewaltsam aufs Land umgesiedelt, um dort ihre neue Existenz als Kleinbauern aufzunehmen. Diese Menschen hatten noch das glücklichere Los, denn Pol Pot befahl in der Folge Massenexekutionen von Intellektuellen, Lehrern, Schriftstellern, Gebildeten und deren Familien. Selbst das Tragen einer Brille galt als Anzeichen für Intelligenz und wurde als „Verbrechen“ eingestuft, das mit dem Tode bestraft war.
Die Schreckensherrschaft dauerte vier Jahre lang, bevor vietnamesische Streitkräfte 1979 in der kambodschanischen Hauptstadt einmarschierten. Bis zu diesem
Zeitpunkt waren mindestens eine Million Khmer dem Völkermord in Kampuchea zum Opfer gefallen. Pol Pot und seine Anhänger flohen in den Dschungel nahe der thailändischen Grenze und führten von dort aus einen Bürgerkrieg gegen nachfolgende Regierungen in Phnom Penh.
Es ist schwer zu glauben. Vor nur etwas mehr als 30 Jahren war die Stadt in der wir uns jetzt befanden menschenleer, quasi nicht mehr existent. Im Völkermordmuseum Tuol Sleng, was zwischen 1975 und 1979 von den roten Khmer als Gefängnis genutzt wurde, kann man heute die Zellen mit Eisenbetten und Ketten sowie zahlreiche Folterinstrumente sehen. In jedem Zimmer sind auf schaurigen Fotos die unkenntlichen Leichname der letzten Inhaftierten abgebildet. Hier wurden mehr als 13.000 Menschen bestialisch ermordet. Ein Großteil der gebildeten Elite wurde hier jedoch zunächst verhört und gefoltert, um dann 12 km südwestlich von Phnom Penh auf den Killing Fields hingerichtet zu werden.
In Choeung Ek, den Killing Fields, die von den roten Khmer für ihre Massenmorde missbraucht wurden, herrschte eine eigenartige Stimmung. Inmitten einer beschaulichen Landschaft beherbergt das Choeung Ek Memorial die sterblichen Überreste von 8985 Menschen, die im Jahre 1980 aus 86 Massengräbern geborgen wurden. Schätzungen zufolge wurden auf den Killing Fields mehr als 20.000 Menschen abgeschlachtet. In der Gedenkstätte sind auf Regalen die nach Alter und Geschlecht geordneten Schädel und Knochen sowie Kleidungsfetzen aufgestapelt. Es ist sehr still und man sieht die anwesenden Menschen stumm ihrem Audio-Guide lauschend zwischen den Gräbern umherlaufen. Manche sitzen auf den Bänken und starren ins Leere, andere weinen. Es ist unfassbar was man von dem Erzähler erfährt und schwer zu verarbeiten. Vor allem die Zeitzeugenberichte lassen einem den Atem stocken.
Wir fahren sprachlos zu unserem Hostel zurück und brauchten noch eine ganze Weile, um das Gehörte und Gesehene zu verarbeiten. Dennoch sind wir sehr froh die Gedenkstätte besucht und so viel über Kambodscha gelernt zu haben. Ein Besuch der Killing Fields ist definitiv empfehlenswert.


0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen